Das Geheimnis der Wüstenrose VIII. DAS GEHEIMNIS DER WÜSTENROSE
Von da an verbrachten die beiden mit anderen Schülern viele Abende bei dem Alten. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß es der berühmte Rabbi Elieser war, welcher damals in Jerusalem die Weisheit der Schrift lehrte und zugleich die Kabbala, welche die Schrift tiefsinnig ausdeutet. Bald aber begriffen sie, daß sie nun lernen durften, was Weisheit ist. Die beiden erkannten, daß wieder einmal eine Fügung Gottes sie geführt hatte, und natürlich Julies Traum von der Wüstenrose. So verging eine längere Zeit.
Eines Abends sagte der Rabbi zu ihnen: "Ich besuche Brüder in Kairo und wer weiß, ob ich wiederkehre. Denn ich bin schon sehr alt. Wir werden uns hier jedenfalls nicht mehr sehen. Kommt morgen noch einmal und Julie, bringe die Rose mit!“
An diesem letzten Abend saßen nur die drei zusammen. Der Alte nahm die trockene Kugel, legte sie behutsam in eine Schale und begoss sie mit Wasser. „Nun wollen wir warten, liebe Freunde. Doch zuvor muss ich euch etwas erklären. Das Wasser bedeutet all das was das Gefühl bewirkt. Es fließt und erfrischt und gibt das Leben. Ihr wißt doch selbst, wie die Liebe zueinander euer Leben zum Blühen gebracht hat." Christian und Juliette stieg die Röte ins Gesicht, denn seit einigen Tagen hatten sie sich ineinander verliebt, konnten aber damit einfach noch nicht so recht umgehen. Es war ja das erste Mal in ihrem Leben und sie wußten noch garnicht, wie ihnen geschah. Doch, bevor es ihnen peinlich wurde, fuhr Elieser fort: "Die Schale ist die einfache Gestalt, in welche Gott unsere Lebenskraft gegossen hat. Ein irdenes Gefäß, mehr nicht! Und dennoch, ohne diese schlichte Form könnte das Wunder nicht erblühen. Die Jerichorose aber ist das Geheimnis Gottes, unerkannt, verachtet. [T Enya] Wenn nun die Regungen unseres Herzens, Gefühle und Wünsche, die ja oft genug auch von Tränen der Freude oder Trauer begleitet werden, zum Inneren Geheimnis hin gelangen und es benetzen, dann ereignet sich das Wunder..“ Gebannt hörten Juliette und Christian ihrem alten Lehrer zu; und wie er noch sprach, begannen kleine Zweige sich zu regen, die Rose entfaltete sich, und nach und nach tauchten kleine weiße Blüten auf.
Während die beiden jungen Menschen eng umschlungen saßen und fast atemlos verfolgten, wie die Wunderblume immer grüner und prächtiger wurde, sprach der Rabbi leise weiter:
„Dann erkennen wir, daß Gottes Liebe immer schon bereit war, jedoch haben wir sie vordem nicht mit dem Wasser des Lebens getränkt. Nun aber, das Wunder vor Augen, begreifen wir und sind sehend geworden und wandeln in der Gnade.“ [Tanz ] Da entfalteten sich schon die ersten kleinen weißen Blüten...Juliette flüsterte: „Aber das geschieht doch nur einmal im Jahr, in der Christnacht! Ich habe es selbst gesehen und war dabei.“ Doch Elieser entgegnete. „Natürlich konntest du es in dieser Nacht erblicken, denn du warst dazu bereit. Aber es geschieht immer wieder. Wann immer das belebende Wasser zum Geheimnis gegeben wird, geschieht es; so wie heute. Stets von neuem wird das Erlöserkind aus der göttlichen Liebe geboren, wie gerade jetzt in euren Herzen, Julie."
zum Anfang dieser Seite zur Inhaltsübersicht aktualisiert am 04.08.02