Das Geheimnis der Wüstenrose VII. DIE ROSE VON JERICHO
Sie erlebten in den nächsten Tagen, wie die Christen untereinander mehr stritten als gegen ihre Feinde und sie lernten treue und redliche Menschen auch bei den Moslems kennen. Das Alles war zunächst für sie verwirrend; aber mittlerweile hatten sie ein paar Sätze aus der lingua franca gelernt, sich einen billigen Schlafplatz ergattert und schlugen sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten durch.
Da traf eines Tages Juliette auf einen Händler, welcher neben einem kleinen Esel herschritt, aus dessen Tragkorb er kleine Stoffsäckchen feilbot mit dem Ausruf „Rosen von Jericho“. In den Stoffsäckchen waren die heiligen Rosen.
Die ganze Zeit hatte Juliette davon geträumt, eine solche Rose zu besitzen. Sie hielt ihn an, sie vergaß zu feilschen, zahlte mit zitternder Hand den hohen Kaufpreis, sie gab dabei fast ihr ganzes mühsam verdientes Geld.
Dann, während der Händler mit seinem Eselchen weiterzog, öffnete sie das Säckchen und griff vorsichtig hinein. Sie hielt eine Art trockenen Ball in der Hand, graugrün und unansehnlich. Julie hätte fast geweint. Ein großer, ein lebenswichtiger Traum zerstob. Das war es nicht, weswegen sie den weiten Weg in Not und Gefahr zurückgelegt hatte. So war denn alles Lug und Trug gewesen?
Im Schatten des Torbogens kauerte ein alter Mann; der hatte zugesehen. Nun erhob er sich mühsam und humpelte langsam herbei. Gerade als Julie das trockene Etwas von sich schleudern wollte, fasste er ihr Handgelenk. Dann sprach er in gutem Französisch auf sie ein.
„Verwirf die Rose nicht! Sogar wenn du über ihr weinst, wird sie dereinst erblühen. So ist es auch mit der Weisheit. Jetzt denkst du, daß du betrogen wurdest. Und du denkst, daß alles, wofür du einstehen wolltest, verloren ist. Doch hab Geduld......es ist ein Gleichnis, für jene die lernen wollen. Möchtest du lernen? Dann komm abends in die Schule hier am Tor."
zum Anfang dieser Seite zur Inhaltsübersicht aktualisiert am 04.08.02