Der Weg in den Zauberwald (V)
wie die Drei zum Elbenvolk kommen und dort eine Botschaft empfangen
Der verzauberte Pfad stieg an, und führte sie den sanften Hang eines Berges hinan. Es folgte noch eine Treppe, dann waren sie angelangt: Zwei steinerne Greife, die vom gleichen Leuchten umgeben waren, wie die Steinplatten des Weges, bewachten einen Eingang. Von innen hörten sie eine herrliche Musik, Zögernd durchschritten sie das Portal. Sie standen in einem Schlosspark. Hier glühte der Wald vor Leben, denn in glänzenden Reigen tanzte das Elbenvolk, umgeben von vielen kleineren und größeren Wesen aller Art.
An blumengeschmückten Tischen saßen die Fürstin des Waldvolkes mit ihrem Prinzgemahl und ihren Edlen. Über ihnen ragte das zauberhafte Schloss, mit seinen hell erleuchteten Türmen und Fensternischen. Die drei verirrten Wanderer wurden freundlich zum Tisch geleitet, wo Königin Titania sie begrüßte. Sven machte eine linkische Verbeugung, Gabriele knickste formvollendet und grüßte mit wohlgesetzten Worten, der kleine Kater aber war verlegen unter den Tisch gesprungen.
Titania sprach: „Oh, das junge Menschenmädchen hat die Sicht, das Verborgene wahrzunehmen. Seid willkommen bei uns, Dame Gabry Ele! Und auch Ihr, Sven, denn schlecht stünde es um eine so schöne Dame, müsste sie ohne einen mutigen Begleiter den Nachtwald durchqueren! Leider können wir Euch nur für eine kurzen Zeitraum unsere Gastfreundschaft entbieten, denn die Stunden vergehen hier anders als in eurer Welt. Doch nun esst und trinkt, tanzt mit uns in unserem Reigen und empfangt die Gaben, die wir jenen mitgeben von eurem Geschlecht, welche so mutig waren, den Weg zu uns zu finden.“
Sie tanzten und merkten plötzlich, dass sie eine neue Weise des Tanzes lernten, leichter, frischer als je zuvor, und vor allem daß sie auch beim Tanz nie müde wurden. Sie sangen die Lieder mit und spürten staunend, daß ihre Stimmen sich verändert hatten, vielfältiger, klarer und umfangreicher geworden waren. Früher, so erzählte ein Elf den beiden Menschenkindern, kannten die Menschen diese wunderbaren Klänge noch und konnten sie selbst singen, bis sie als „elfische Musik“ von Kirche und Obrigkeit verboten wurden.
Nach dem Tanz stärkten sich die Beiden, man gab ihnen einen Kelch mit Apfelwein zu trinken und leichtes, wunderbar aromatisches Brot, in das Nüsse und Kräuter eingebacken waren. Viel zu schnell verging ihnen die Zeit.
„Nun ist es Zeit, daß ihr geht , meine Freunde,“ sagte Titania und sie wirkte ein wenig traurig dabei. „Lange schon ist es her, daß freundliche Menschen uns mit ihrem Besuch beehrten. Nun nehmt mein Abschiedsgeschenk mit euch und vergesst ihn nie, den Nachtwald der Wunder und der Liebe."
Sie küsste das Mädchen auf die Stirn und sprach feierlich: „Dame Gabry Ele, ich gebe dir den Glanz Gramayre, daß du immer schön und begehrenswert bleibest, so lange du auch immer unter dem Menschenvolk weilst. Denn das ist die Art dieses Geschenkes, dass es niemals nachlässt mit zunehmendem Alter, sondern heller noch wird und strahlender." Das Mädchen spürte den Kuss und wußte, diese sanfte Berührung würde sie nie vergessen. Die Königin berührte nun Sven am Kopf und sagte: "Dir verleihe ich Mut und die Gabe, immer neue Dinge zu finden, welche dein Leben reich und schön machen." Und Titania streichelte den Kater, der mit großen Augen zu ihr aufsah, und sprach lächelnd: "Und dir gebe ich, dass du immer ein gutes Zuhause hast und doch daneben die Freiheit des nächtlichen Streifens. Und du wirst als einziger von den drei Freunden allezeit Zugang zu unserem Wald haben. Besuche uns sooft du magst, mein Kleiner!"Dann sprach Titania mit erhobener Stimme weiter : "Nun hört die Botschaft, die wir euch bitten, weiterzusagen an Menschen guten Willens und von eurer Art: Die Türen zu unserer Welt sind nicht mehr versperrt! Sie laden euch ein, zu kommen. Der Pfad im Wald leuchtet wieder denen, die ihn suchen. Unser verborgenes Schloß, das so lang abgeschnitten war in Traurigkeit, feiert dies Fest euch zu Ehren und in Vorfreude auf jene Menschen, die nach euch den Weg finden werden.
Der alte Weltenbaum in unserm Walde, der niedergebrochen war und mit Feuer verbrannt, er treibt neu aus in diesen Tagen. Und schon erhebt sein Grün sich wieder zum Himmel. Die Zeit ist gekommen!
Sagt dies euren Freunden weiter. Tragt das Licht des neuen Lebens und der Versöhnung aller Wesen in eure Welt. Denn sie erscheint uns finster, und wir meinen, daß ihr des Lichtes sehr bedürft.“ weiter
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