Das Gauklermädchen Eine Geschichte für große und kleine Kinder,
nach einer alten Legende neu erzählt.....
Da sie keine Holzstäbchen mehr bei sich trägt , jongliert sie mit kleinen Steinen, die aus dem verwitterten Mauerwerk gefallen sind. Und während vomhohen Chor die Psalmgesänge herüber wehen, beginnt sie mit Leib und Seele zu tanzen, vor - und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht sie auf ihren Händen durch die Kapelle, mal überschlägt sie sich in der Luft und springt die kühnsten Sprünge, um Gott zu loben. Wie lange das Chorgebet der Schwestern dauert, sie merkt es nicht, sie tanzt ununterbrochen, bis ihr der Atem ausgeht und die Glieder ihren Dienst versagen.
......... Ein Nonne aber war ihr gefolgt. Sie dachte sich, da ist doch etwas Eigenartiges mit der neuen Schwester, die nie mitsingt, die hat sicher etwas Böses vor! Durch ein kleines Fenster hat sie dann ihr Tanzen und ihre Sprünge mit angesehen und heimlich die Äbtissin, das ist die Ehrwürdige Leiterin eines Klosters, geholt. Beide schauten ihrem Tun zu. Am anderen Tag ließ die Äbtissin das Gauklermädchen zu sich rufen. Die Arme erschrak zutiefst und dachte bei sich: "Nun werde ich wegen des verpaßten Gebets gestraft!" Sie fiel vor der strengen Frau nieder und sprach: "Ich weiß, hohe Frau, daß ich nicht mehr hier bleiben darf. So will ich lieber gleich freiwillig wegziehen und das einsame Leben auf der Straße wieder ertragen."
Doch die Äbtissin neigte sich zu ihr, küßte sie und bat sie, wann immer sie möchte, wieder zu tanzen und für sie und alle Schwestern bei Gott einzustehen:
"In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle schön klingenden Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne daß unser Herz sie sendet."
Ende
zum Anfang dieser Seite Inhaltsübersicht aktualisiert am 13.10.01