Der Weg in den Zauberwald
Märchen und Jeux -Stücke zu den Jahresfesten


 
 
Die drei Sprachen 
frei nach dem Text der Gebrüder Grimm

Anmerkungen
Märchentyp AT: 671 / Grimm KHM: Die drei Sprachen 
weitere Hinweise erhalten Sie im maerchenlexikon.de 

In der Originalfassung des Märchens wird der Sohn eines Grafen (Variante: eines Königs) zu einem Meister  in ein fernes Land geschickt, um dort zu studieren. Wir haben daraus eine Tochter gemacht; folgen wir der Märchendeutung etwa im Sinne C.G.Jungs, so dürfen wir in dem Kind des alten Grafen oder Herrschers einen neuen Ansatz des Bewusstseins sehen, welches sich gewissermassen verjüngt, neue Konzepte des Lebens erprobt und aus alten eingefahrenen Wegen heraus will. Der Vater steht für das alte, angepasste Bewußtsein, für das Leben in der Norm, das Kind hingegen symbolisiert den Aufbruch in Unbekannte.
Selbstverständlich sind daneben andere Deutungen möglich, z.B. mag es sich um den Vater- Sohn-Konflikt eines spirituell begabten Kindes handeln, das dem nüchternen Willen des Vaters einen hartnäckigen Widerstand entgegennsetzt, um seinen ganz eigenen Lebensweg zu finden. Und andere Deutungen mehr.

Mit dem Erlernen der Sprache der Tiere erweist der Junge seinem Vater offensichtlich keinen Gefallen. Will dieser doch etwas Grundsolides sehen, etwas, das im Lebensalltag zu gebrauchen wäre, Wissen, das womöglich auch zu Geld und Gut führt. Der Junge lernt aber nacheinander die Sprache der Frösche, Vögel und Hunde. Damit erhält er einen Zugang zu den Sphären des Wassers, der Luft und der Erde, diese Elemente stehen in gewissem Sinne auch für Himmel, Erde und Unterwelt. Die Tiere sind damit seine Helfertiere geworden, über die er gebieten kann. Es ist Schamanenwissen, ein Relikt uralter Weisheit, was der junge Held hier bei dem Meister in der Fremde erlernen darf. Die Fremde, besonders das Welschland, gilt seit altersher als der Ort, wo das mächtigste Zauberwissen erworben werden kann. Wer nie über den Zaun schaut, kann kein Wissender werden.
Mit seinen neuen Künsten entfremdet der junge Held sich aber dem Vater, welcher in rasendem Zorn reagiert und ihn verstößt (Variante: seinen Tod befiehlt). Die rasende, der Sache unangemessene Wut des Vaters zeigt, daß dieser etwas verdrängt, daß er Furcht vor dem neuen hat, daß seine eigene spirituelle Seite möglicherweise nie entwickelt werden durfte.
 
Der junge Zauberheld - in unserem Fall die Grafentochter - zieht wieder davon und erlebt nun verschiedene Abenteuer, die sie mit Hilfe der neuen Kenntnisse glücklich für sich entscheiden kann. Sie zähmt die verwunschenen Hunde (solche dämonischen Hunde sind in der Sage oft Schatzwächter), legt den Sumpf trocken und erlöst schließlich das Land. Zu guter Letzt  wird sie von den Vögeln zum Aufbruch gemahnt, es gibt andere Rollen, die zu spielen sind, es gibt tiefer verborgene Schätze, die gehoben werden wollen, und fern gelegene verwunschene Wälder, die auf eine Erlösung warten.

In vielen Märchenvarianten dieses Typs begegnet eines Tages der Held seinem Vater wieder und es kommt zur Versöhnung. Wir haben dieses Motiv ausgeblendet und einen Aspekt der Versöhnung allgemeinerer Art in die Handlung integriert. Aber, indem in unserer Geschichte die Grafentochter wieder aufbricht zu unbekannten Zielen, ist auch diese Begegnung noch möglich. 


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aktualisiert am 13.05.02

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