DER BLAUE VOGEL
Erläuterungen
Der Weg in den Zauberwald, Märchen
und Jeux -Stücke
Die tiefenpsychologische Deutung:
Der Weg eines Menschen in den Wald der Abenteuer und Märchenwesen ist eine häufig gewählte Darstellung für einen seelischen, innerweltlichen Erfahrungsweg. In der Tiefenpsychologie C.G. Jungs und seiner NachfolgerInnen wird diese Reise "Individuation" genannt, das bedeutet "Ganzwerdung", das Finden des "Selbst" als Zentrum unseres Lebens. Berichte über solche Fahrten bilden einen festen Erzählungsbestand vieler Kulturen, besonders reich ausgeschmückt sind die "Questen" (Quest = Suchfahrt) der mittelalterlichen Ritter.Die einzelnen Motive
1.) Die Heldin und ihre bösen Angehörigen:
Die Heldengestalt im Märchen steht meist für das bewusste Ich, das sich gegenüber bedrohlichen Kräften der Innen - wie Außenwelt durchzusetzen versucht. Meist ist es der/die Jüngste, die erfolgreich diesen Weg gehen, dies deutet auf eine neue Einstellung des Ich, eine positive Persönlichkeitsveränderung in einer Lebensphase, in der die alten Gestalten (= Einstellungen zum Leben) nicht mehr angemessen sind. Das zeigt sich besonders deutlich im Symbol des kranken Königs, der seine Söhne nach einem Heilmittel aussendet. Die bösen Geschwister können also auch als eigene, für die Entwicklung hinderliche Verhaltensweisen aufgefasst werden, die das Reif- und Erwachsen -werden des Menschen zu hindern suchen.2.) Der Wald und das Motiv des Pilzesuchens:
Der Wald steht mit seiner Rätselhaftigkeit, seinem Alter und seiner unergründbaren Weite
für das Unbewusste im Menschen. Demgemäss führt die Reise in den Wald immer auch in die Tiefen des eigenen Ichs, ist Rätselfahrt und Abenteuer in den Tiefen der eigenen Seele. Pilze (Beeren) sammeln oder ein vergleichbares Tun, z.B. Holz holen gehören zu jenen fast "absichtslosen" menschlichen Tätigkeiten, die in einer äußeren Handlung n„her an innere Prozesse heranführen können. Man muss dabei vom Wege abgehen und sich aufs Geratewohl in das Unterholz getrauen. Nur dann vermag die suchende Person den Klang des Wundervogels zu erlauschen. Entsprechend schreckt die "hässliche" Tochter davor zurück, in den Wald einzudringen. Sie kehrt lieber mit dem leeren Korb heim: "Pilze gibt es noch nicht".3.) Das Mahl mit dem blauen Vogel:
Der blaue Vogel ist ein Aspekt des Animus, d.h. der Seelengeliebte des Mädchens. Dieser Ausdruck bezeichnet einen sog. "Archetyp" (=Ur-Bild) im Menschen, der mit einer eigentümlichen Faszination und Wege-Weisenden Kraft zum Führer des "Ich", hier verkörpert durch die Heldin, in die Tiefe der eigenen inneren Welt werden kann. Natürlich kann eine Frau diesem Archetyp auch in der "realen" Außenwelt begegnen, ja sogar verfallen: Idole, Stars oder besonders bewunderte und verehrte Menschen können solche "Animus-Projektionen" sein. Diese Bindung kann aber auch negative Seiten entwickeln, dass nämlich das Ich dem Unbewussten anheim fällt und der Aufbau einer reifen, selbständigen Persönlichkeit versäumt wird. Als verzaubertes Wesen ist der Tierbräutigam in dieser Geschichte auch in diesem Märchen noch nicht fähig zu einer endgültigen Bindung. Diese würde nach einem Zeitraum von drei Jahren erreicht. Genaueres über den Wandlungsprozess s. Abschnitt d) Je nach Beschaffenheit der Ich-Figur ist der Tierbräutigam verschieden. Er hat meist eine der bewussten Haltung entgegengesetzte Form: Die zarte, verwöhnte Prinzessin wird oft dem Bären oder Löwen angetraut, die erdgebundenere Heldin dem "Prinzen Schmetterling" oder, wie in diesem Fall, dem fast unwirklich schönen Vogel. Das Reich der Luft und der Klänge, dem dieses Wesen angehört, steht auch für Intuition und Kreativität. Dies sind beides Eigenschaften, welche die Hauptperson unserer Geschichte in ihrem familiären Umfeld vermutlich nicht entwickeln konnte. Das Mahl mit dem Vogel nimmt symbolisch das Hochzeitsmahl voraus. Es steht aber auch für Gefährtenschaft, Gastfreundschaft, gegenseitige Hilfe. Vgl. Psalm 23: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde". Letztlich entscheidend ist nicht die Qualität der angebotenen Nahrung ("guter Kuchen", "trockenes Brot") sondern die Herzenshaltung, aus der heraus das Essen geteilt wird. Das gemeinsame Essen ist aber nicht nur ein Test für den Charakter der Heldin, sondern es stellt, wie vergleichbare Märchenmotive (Ausruhen, Geld, Geschenk, Tanzen) einen Gewinn von Energie dar, mit der unser verzauberter Vogel - vielleicht zum ersten Mal - die Kraft gewinnt, sein Lied zu singen.4.) das kleine Haus im Wald und die Drei-Jahres-Frist:
Das Haus und das sorglose Leben dort ("alles kocht sich von selbst") verkörpern eine Art Oase, einen geschützten Raum. Es bietet für das Mädchen eine Verweilmöglichkeit, die sie in eine neue Rolle - als Partnerin - hineinwachsen und ein neues Vertrauen zum Leben gewinnen lässt. Die Energie, die diese Versorgung speist, kommt direkt aus dem Unbewussten, die Situation ist vergleichbar mit jenen Phasen des Lebens, wo einfach alles "wie von selbst" gelingt. Zahlreiche Märchen berichten von diesen kurzen Zeiträumen eines zwar eingeschränkten, doch greifbaren Glücks - der Bräutigam ist ja nur nachts vom Zauber befreit - , was meist bei Einhaltung der Regeln allein schon zur Erlösung führen könnte. Kein Märchen belässt es jedoch bei dieser einfachen Version, immer wird das erste Glück beendet und die lange, einsame Wanderung zu einer höheren Form des Miteinanders muss angetreten werden. Die Wandlung des Partners aus der Tierform in die menschliche Gestalt spielt in derart zahlreichen Märchen eine Rolle, dass sie einem wichtigen psychologischen Bedürfnis der Menschen aller Zeiten Rechnung tragen dürfte.
Es handelt sich, auf einen kurzen Nenner gebracht, um das Problem des zutiefst Miteinander- vertraut- Werdens. Wie war das zu schaffen, da man doch neben dem Bild des geliebten Menschen auch früher schon die Existenz anderer Seiten oder Teile seiner Person spürte, dunklere, zornigere oder einfach unerlöste? Das Märchen brachte dies auf eine einfache therapeutische Formel: "Akzeptiere das Anderssein des Partners. La? ihm eine gewisse Zeit, sich von innen heraus zu wandeln." Dann aber auch: "Handle!" So wird aus dem Frosch ein Prinz, aus dem Igel ein Königssohn, aus dem Schlangenungeheuer die schöne Prinzessin. Wichtig dabei ist, da? gerade die zunächst bedrohlichen Anteile des Partners gewandelt werden und der neuen Beziehung als wertvolle Bereicherung zur Verfügung stehen.5.) die Bedrohung des Glücks: das Messer im Fenster: Eine wichtige Voraussetzung für ein selbständiges, erfülltes Leben scheint der guten und schönen Schwester zu fehlen. Sie ist zu gut. Sie kann weder die Tücke der bösen Schwester voraus ahnen, noch sich gegen sie abgrenzen oder wehren. Selbst als der blaue Vogel sie warnt, unternimmt sie nichts, um sich und ihn zu schützen. Sie hätte ja nur das Haus versperren brauchen und ausharren, bis ihr Freund abends wieder zum Menschen wird. Aber in diesen Bahnen denkt sie nicht, sie ist allzu fügsam. Wir dürfen ihr daraus keinen Vorwurf machen: Sie vermag es zu diesem Zeitpunkt nicht. Ihr allzu weicher Charakter wird erst auf der langen Wanderung durch vielfältige Herausforderungen gestrafft und gestärkt, ohne aber zu verhärten. Das Messer steht mit seiner schneidenden Schärfe oft als Symbol für den Intellekt in seiner zerlegend- analysierenden, zerstörerischen Form, und das passt wahrlich gut zum Wesen der bösen Schwester. Wie schlau sie die beiden erst eine Zeitlang beobachtet, ihren Plan webt, sich dann Verstärkung durch die Mutter holt und wie heimtückisch sie den blauen Vogel zu ermorden trachtet. Denn weder in seiner Vogelgestalt könnte sie ihm etwas anhaben, da flöge er davon, noch in seiner nächtlichen Rolle als Mensch, da wüsste er sich zu wehren. Nur im Moment des Überganges, wo er schutzlos ist, trifft sie ihn, da aber fast tödlich. Zum Glück sind sowohl die Lebenskräfte des Vogels wie auch die seiner Gefährtin den nur negativen Kräften der bösen Verwandten überlegen, weil die Erfahrung von Liebe und Vertrauen sie stärkt.
6.) Hilfreiche Wesen und ihre Geschenke:
Die kleinen Männlein auf der Waldwiese, die in anderen Märchen oft genannten Tiere als Begleiter, aber auch die majestätisch leuchtenden Gestalten am Himmel gehören zu einer Unter- und Überwelt, die das Märchen ganz selbstverständlich betritt. Die Trolle entsprechen dem Element Erde z.T. auch mit dem Aspekt der Unterwelt. Erde wie auch Unterwelt haben ihre negativen und positiven Seiten. Ähnlich verfügen andere Erdgeschöpfe, die Zwerge, über große Weisheit und Schätze, gelten aber auch als unberechenbar. An dieser Station des Weges geben die kleinen Männlein der Heldin eine wichtige weitere Stärkung für die Wanderung, durch den Tanz. Darüber hinaus enthält die Begegnung mit ihnen eine Lektion: Die junge Frau lernt in der Zuwendung zu den Trollen, da? Wesen, die unscheinbar, ja h„?lich aussehen, doch beachtliche innere Qualitäten haben können. Dies gleicht die bisherigen Erfahrungswelt der Heldin aus, in der bisher vorwiegend "schöne" Menschen eine Rolle spielten. Die Gestalten von Sonne, Mond und Sternen sind alte Götterwesen aus vorchristlicher Zeit, die aber auch als Planetenkräfte oder - prinzipien, in christlicher Sicht als Engelwesen, gedeutet werden können.7.) die Zauberin:
Negativ-Gestalten des Märchens sind nicht sexistisch ("aha, typisch....") zu sehen. Alle Gestalten, alle Verhaltensweisen der Personen des Märchens liegen letztlich im Unbewussten jener, die es erschufen, die es weitergeben - und jener, die es mit innerer Anteilnahme hören. Es ist alles in uns. So können Zauberer und Zauberinnen, positiv gesehen, für großes Wissen, oder für weise angewendete Macht stehen. In negativer Form verkörpern sie Fluch und Leid für ihre vielen Opfer. Die Zauberin, die den blauen Vogel verfluchte, verkörpert ein Element der Verblendung und falschen Glanz, von dem sich die junge Frau erst befreien kann, nachdem sie selbst mit ihren eigenen Werten (= kostbare Geschenke) aufzutreten gelernt hat. Vielleicht war sie in ihrer Jugend zu demütig und passiv - erduldend, gönnte den anderen alles und sich nichts? Sie muss am Ende der Geschichte regelrecht lernen ihr Glück und ihre Liebe zu erkämpfen und zu verteidigen. Da wird ihr die Zauberin zur rechten Gegnerin, um ihr meisterliches neues Wissen und Können vorzuführen.8.) der Prinz und der aufmerksame Diener:
Der Prinz - wie unter Abschnitt 3c) schon z.T. beschrieben, ist Animus, d.h. der innere, männliche Anteil der Heldin. Ich will hier nur auf den Aspekt des "Prinz-Seins" kurz eingehen. Dieser Rang bedeutet, zum König-Sein berufen. Das sind wir alle, vom Moment unserer Geburt zum König und zur Königin unseres Lebens bestimmt. Die Aufwertung beider Partner am Ende des Märchens zum königlichen, herrschenden Paar entspricht demgemäss einer Erfüllung dieser göttlichen Verheißung im konkreten Leben. Der aufmerksame Kammerdiener ist jener Aspekt des Prinzen, der bei allem Zauberspuk im Schloss treu und redlich seine Pflichten tut. Er kann die Erlösung für seinen Herrn nicht erreichen, er kann sich ein rettendes Eingreifen vielleicht nicht einmal vorstellen. Ihm fällt nur etwas auf, das außer der Ordnung ist (die weinende Stimme), und er meldet es dem Prinzen. Er verkörpert eine "farblose", nüchterne Seite des Wunderprinzen, aber er steht auch für jene "Sekundärtugenden", wie Ordnung, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, in denen auch Treue zum Ausdruck kommen kann. Durch seine einfache Wachsamkeit hilft er da weiter, wo selbst kosmische Kräfte zu versagen drohen.
9.) Die Erlösung bzw. die Hochzeit:
Die Motive der Vereinigung der beiden Liebenden und ihrer Hochzeit sind mit Seelenbildern aus Religion und Mystik identisch: Dort ist es die Alchymische Hochzeit, oft von zwei Paaren ("Quaternio"), d.h. bei dieser Form der Hochzeit vereinigen sich Mann und Frau, sowie ihr Animus und seine Anima, was ein besonders inniges Miteinander bedeutet. Im kirchlichen Symbol sind es Christus und seine Braut, die Kirche. Im Verlauf des Lebensweges als einer fortschreitenden Einweihung steht die Hochzeit für einen wichtigen Schritt der Reifung: Aus dem Kindheitsstadium in das Alter verantwortlicher und reifer Erwachsenheit. Das Märchen setzt diese Initiation als so wichtigen Schritt an, dass sie fast gleichbedeutend mit dem Finden des eigenen Lebenssinns und -glückes zu deuten ist. Die Erlösung vom Bann bedeutet das Loskommen von negativen Rollenzwängen oder fremdbestimmten Lebens-Scripten (meist von den Eltern). Wenn ein Mensch sich selbst entfaltet und frei wird, bedeutet das oft einen Anstoß für seine Umgebung, sich auch verstärkt der eigenen Entfaltung zu widmen.....
zum Anfang dieser Seite zur Inhaltsübersicht aktualisiert am 23.04.02